Terminologie des Mess- und Eichwesens

Sigurd Reinhard, Kiel (März 2017)

Allgemeines

„Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten“, so belehrt Mephisto einen Schüler in Goethes Faust I (Szene im Studierzimmer). Jeder, der sich schon einmal mit Fragen der Terminologie befassen musste, kennt die Schwierigkeiten, Begriffe eines bestimmten Fachgebiets in sich geschlossen und widerspruchsfrei zu definieren. Im Falle des Mess- und Eichwesens kommt hinzu, dass viele Begriffe zum Teil seit Jahrzehnten gebräuchlich sind, im Laufe der Zeit aber einen Bedeutungswandel durchgemacht haben oder aber durch andere Begriffe ersetzt worden sind. Dies sei an zwei Beispielen erläutert:
Der von Praktikern immer noch verwendete Begriff „Fehler“ für die Abweichung eines Messergebnisses vom richtigen Wert ist in keiner neueren gesetzlichen Vorschrift oder technischen Regel mehr zu finden. Stattdessen werden die auf ein Messergebnis bezogene „Messabweichung“ und, wie der Name schon sagt, die auf ein Messgerät bezogene „Messabweichung eines Messgeräts“ unterschieden. Bekanntlich haben beide dieser Messabweichungen systematische und zufällige Anteile, die qualitativ mit den Begriffen Richtigkeit und Präzision beschrieben werden.

Die Aufgabe des Begriffs „Fehler“ liegt in der engen Verflechtung des Messwesens mit dem Qualitätswesen. Weist beispielsweise ein Messgerät Messabweichungen auf, die innerhalb festgelegter Fehlergrenzen liegen, so gilt das Messgerät als richtig; überschreiten die Abweichungen jedoch die Fehlergrenzen, ist das Messgerät fehlerhaft, in diesem Fall ist der Fehler einem Mangel gleichzusetzen.
Ähnliches gilt für den Begriff „Nacheichung“. Im Interesse juristischer Exaktheit ist dieser seit Jahrzehnten geläufige Begriff schwerfällig durch „Wiederholung der Eichung“ ersetzt worden. Im Zuge dieser änderung musste auch der Begriff „Nacheichfrist“ durch den Begriff „Gültigkeitsdauer der Eichung“ ersetzt werden. Der Sinn dieser änderungen bleibt vielen Praktikern weitgehend verschlossen; so wird es sicherlich noch lange dauern, bis sich die korrekten neuen Begriffe allgemein durchgesetzt haben.

Jedes Fachgebiet verfügt über seine eigene Fachsprache und damit über seine eigenen Fachbegriffe. Diese werden in der Regel in speziellen Verzeichnissen, Vokabularien, Fachwörterbüchern, Begriffsnormen oder dergleichen aufgenommen. Eindeutige Definitionen, u. U. zusätzliche Erläuterungen und ergänzende Beispiele stellen sicher, dass bei der Anwendung Missverständnisse weitgehend ausgeschlossen bleiben. Von Zeit zu Zeit erfolgen überarbeitungen, sodass die Wandlung von Bedeutungen oder neuere Entwicklungen berücksichtigt werden können.

VIM und VIML

Ein für die Terminologie des Messwesens grundlegendes Werk ist das von acht internationalen Organisationen (u. a. BIPM, ICE, ISO, OIML) gemeinsam erarbeitete „Internationale Wörterbuch der Metrologie“ (Kurzbezeichnung: VIM). Die derzeit gültige 4. Auflage ist in deutsch/englischer Fassung im Jahr 2012 im Beuth Verlag GmbH, Berlin, erschienen. Sie ist in folgende Kapitel eingeteilt: Größen und Einheiten; Messungen; Ergebnisse von Messungen; Messgeräte; Merkmale von Messgeräten; Messnormale. In Ergänzung des VIM hat die OIML im Jahr 2013 ein englisch/französisches Verzeichnis mit dem Titel „International Vocabulary of Terms in Legal Metrology“ (Kurzbezeichnung:VIML) herausgebracht. Dies kann auf der Website der OIML (www.oiml.org) unter den Rubriken Publications und Vocabularies aufgerufen werden.

Glossar der Metrologie

Eine Vielzahl von Begriffen, die das VIM und das VIML enthalten, ist in das von der Deutschen Akademie für Metrologie (DAM) zusammengestellte Glossar der Metrologie aufgenommen worden. Dieses Glossar definiert und erläutert nicht nur spezielle messtechnische Begriffe, sondern es enthält darüber hinaus zahlreiche verwaltungsrechtliche Begriffe sowie Begriffe zum Qualitätsmanagement, zur Konformitätsbewertung und zum Bereich Fertigpackungen. Das Glossar, das regelmäßig überarbeitet wird, ist auf der Website der DAM (www.dam-germany.de) unter den Rubriken Fachinformation und Glossar der Metrologie zu finden.

DIN 1319 Teil 1 und Teil 2

Das DIN Deutsches Institut für Normung e. V. ist auf der Grundlage des im Jahr 1975 mit Bundesrepublik Deutschland geschlossenen Vertrags die für die Normungsarbeit zuständige Institution in Deutschland. Normen tragen u. a. zur Deregulierung bei indem sie bei der Gesetzgebung zur Beschreibung technischer Sachverhalte herangezogen werden können. Das trifft auch auf die Normenreihe DIN 1319 zu, die den Haupttitel „Grundlagen der Messtechnik“ trägt.

Die Reihe umfasst vier Teile, und zwar

  • Teil 1 (Januar 1995) mit dem Untertitel „Grundbegriffe“ und den Kapiteln Messungen; Ergebnisse von Messungen; Messgeräte; Merkmale von Messgeräten,
  • Teil 2 (Oktober 2005) mit dem Untertitel „Begriffe für Messmittel“ und den Kapiteln Messmittel; Messgeräte mit direkter Ausgabe; Messmittel mit indirekter Ausgabe; Anzeigen und Skalen; Bedingungen für den Betrieb von Messmitteln; Merkmale von Messmitteln; Messmethoden,
  • Teil 3 (Mai 1996) und Teil 4 (Februar 1999);diese Teile sind keine Begriffsnormen, sie befassen sich mit der Auswertung von Messungen, insbesondere mit der Ermittlung von Messunsicherheiten.

Die Begriffe stammen überwiegend aus dem VIM (Ausgabe 1993), die Definitionen und Erläuterungen wurden jedoch grundlegend überarbeitet. Hinsichtlich der Begriffe Genauigkeit, Richtigkeit und Präzision ist zu beachten, dass diese Begriffe sowohl für die Beurteilung von Messergebnissen (Teil 1) als auch für die Beschreibung der messtechnischen Merkmale von Messgeräten (Teil 2) verwendet werden. Welche Bedeutung diese Begriffe im Einzelfall haben, ergibt sich in der Regel zweifelsfrei aus dem Sachzusammenhang.

Neu ist vor allem der Begriff des Messmittels, der bisher im Gegensatz zu den Normen des Qualitätsmanagements in den Normen der Messtechnik fehlte. Da die Messtechnik aber Bestandteil vieler qualitätssichernder Maßnahmen ist, wird dieser Begriff von Praktikern schon seit Jahren verwendet. Verkürzt ausgedrückt, wird als Messmittel alles das bezeichnet, was zur Ausführung von Messungen jeglicher Art notwendig ist (z. B. Messgeräte, Referenzmaterialien, Normale, Hilfsmittel, begleitende Dokumente und Software).

Mess- und Eichgesetz

Das Mess- und Eichgesetz, in Kraft ab Anfang 2015, enthält eine Reihe messgerätespezifischer Begriffsbestimmungen. Die meisten sind den Definitionen in den oben genannten Normen oder normativen Dokumenten ähnlich. Lediglich die Definition „Messgerät“ ist aus gesetzestechnischen Gründen sehr viel enger gefasst und an die Verwendung im geschäftlichen oder amtlichen Verkehr oder zur Durchführung von Messungen im öffentlichen Interesse gebunden.